Die Rede Des Botschafters Mehmet Ferden Çarıkçı Am 13. September 2017, Anlässlich Der Enthüllungsfeier Der Gedenktafel Für Die Synagoge, Die Von Den Aus Der Türkei Stammenden Sephardischen Juden In Wien Leopoldstadt Erbaut Und Unter Dem Nazi Regime Im Jahre 1938 Zerstört Wurde.

Viyana Büyükelçiliği 14.09.2017

Sehr geehrter Wohnbaustadtrat Herr Dr. Ludwig,

Sehr geehrter Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Herr Oskar Deutsch,

Sehr geehrter ehemaliger Präsident der türkisch jüdischen Gemeinde Herr

Silvyo Ovadya,

Werte Pressemitglieder und Gäste,

Wie der Forscher und Autor Naim Güleryüz berichtet, hat der Vorsitzende der Wiener sephardischen Juden Marcos Russo am 16. November 1885 bei der Zirkusgasse 22, an der wir uns heute hier versammelt haben, zu den eingeladenen Gästen folgendes gesagt:

„Während der Regentschaft seiner Majestät Franz-Josef als Kaiser von Österreich und seiner Majestät Abdulhamid II. als Sultan des Osmanischen Reiches und der Dienstzeit von Sadullah Pascha als dem Botschafter des Osmanischen Reiches in Wien und Marcos Russo als dem Vorsitzenden der türkisch-jüdischen Gemeinde wurde mit dem Bau dieses Gebäudes begonnen, um die religiösen Bedürfnisse der sephardischen Juden zu befriedigen."

Während der offiziellen Eröffnungszeremonie der Synagoge, am 17. September 1887, deren Tor von nebeneinander gehissten österreichischen und osmanischen Fahnen geschmückt war, folgten auf sephardisch-spanische Gebete das Anoten-Gebet für Franz-Josef und Abdulhamid II. sowie die Nationalhymnen der beiden Länder.

In dieser Synagoge, in der auch die Mitglieder der türkisch jüdischen Gemeinde ihre Gebete verrichteten, wurde jedes Jahr der Geburtstag von Abdulhamid II. mit einer besonderen Zeremonie gefeiert. Die österreichische Regierung wurde stets von einem leitenden Beamten des Außenministeriums und einem hochrangigen General des Kriegsministeriums vertreten; der osmanische Botschafter und das Botschaftspersonal nahmen in Galauniformen an der sogenannten Sultan-Feier teil.

Werte Teilnehmer,

Die sephardischen Juden, genossen die Rechte aus einer Klausel des Passarowitzer Vertrages (1718), welche osmanischen Bürgern Niederlassungs- und Handelsfreiheit garantierte. Sie lebten dadurch in Frieden. Unter meist sogar besseren Bedingungen als die österreichischen Juden. Als nach innerstattlichen Entwicklungen 1742 die Juden aus Österreich deportiert werden sollten, überdachte Ihre Majestät Maria Theresia nach Erhalt der Botschaft des Sultan Mahmud I. ihren Entschluss und erlaubte den Juden in ihrem Land zu bleiben.

Die sephardischen Juden, welche ihre osmanische Identität immer bewahrt hatten und unter dem Schutz des Sultans standen, wurden mit dem Erlass vom 17. Juni 1778, welcher aus 14 Artikeln bestand und die Statuten der sephardischen Gemeinschaft bestimmte, als "türkisch-jüdische Gemeinde" offiziell anerkannt und registriert.

Während des 18. und 19. Jahrhunderts stellten die Juden eine der wichtigsten Verbindungen zwischen den beiden Imperien dar: Wussten Sie z.B., dass der älteste jüdische Sportklub der Welt, der “Jüdische Turnverein Constantinopel” durch die österreichischen Juden im Jahre 1895 in Istanbul gegründet wurde?

Oder wussten Sie, dass die Gründer dieses Klubs, die aus Österreich ausgewanderten Aschkenasim, im Jahre 1866 in Istanbul auf der Büyük Hendek Straße eine hölzerne Synagoge errichtet hatten? Diese hölzerne Synagoge war im Volksmund als “österreichischer Tempel” bekannt. Im Jahre 1900 wurde mit einem Erlass des Sultan Abdulhamid II. der Bau einer neuen Synagoge beschlossen, welche den wachsenden Bedürfnissen der jüdischen Gemeinde entsprechen sollte. Die durch die Anleihen und Spenden der in Österreich lebenden Glaubensbrüder errichtete Yüksekkaldırım Aschkenasim Synagoge wurde am 17. September 1900 feierlich eröffnet. Die Vorderseite des Gebäudes wurde zu diesem Anlass mit Fahnen geschmückt. Am Eingang dieses Gebäudes ist sogar heute noch eine Gedenktafel anzutreffen, auf welcher folgende Worte vorzufinden sind: “Erbaut zur Erinnerung an das Fünfzigjährige Regierungsjubiläum unseres glorreichen Monarchen Seiner Majestät des Kaisers und Königs Franz Joseph I., im Jahr 1900”. Das 100-jährige Jubiläum der Erbauung der heute noch aktiven Yüksekkaldırım Aschkenas Synagoge wurde in der Türkei im Jahre 2000 mit bedeutungsvollen Veranstaltungen gefeiert.

Gerade aus diesem Grund bestürzt es mich als türkischer Botschafter in Wien persönlich sehr, dass das 100-jährige Jubiläum der Erbauung des “Türkischen Tempels” in der Zirkusgasse 22 nicht gefeiert werden konnte. Als Folge der in der Mitte der zwanziger Jahre beginnenden rassistischen Strömungen, mussten die sephardischen Juden schrittweise Wien verlassen. Die letzte prächtige Feier, welche in der Synagoge abgehalten wurde, waren die Feierlichkeiten bezüglich des achthundertsten Geburtstages des Denkers Maimonides, welche 1935 stattfanden.

Drei Jahre danach: In der Nacht welche den 9. mit dem 10. November 1938 verband, wurde die Wiener sephardische Synagoge in der Pogromnacht von den Nazis zerstört.

Zur Zeit des Nationalsozialismus war die türkisch-jüdische Gemeinde in Österreich zusammen mit den anderen Juden durchgängig durch das brutale sowie menschenverachtende Regime stark bedroht. Die Türkei versuchte stets, ihre Bürger vor rassistischen und antisemitistischen Übergriffen zu schützen. Neben unseren Konsularbeamten in Wien, haben alle türkischen Generalkonsuls sowie Botschafter in ganz Europa, manche unter Einsatz ihres eigenen Lebens, einen Kampf zum Schutz und zur Rettung der türkischen Juden geführt. Ihr heldenhaftes Streben geglückte oft.

Während sie auf diplomatischem Wege einen Rechtskrieg führte, um das Leben ihrer jüdischen Bürger zu wahren, führte die Türkei gleichzeitig gegen die europäischen Rassisten einen mühsamen und ehrenvollen Kampf. Die Haltung unseres Landes hinter solchen Unterdrückten zu stehen, wird zweifelsfrei auch heute, in einer Zeit in welcher traurigerweise Rassismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und Islamfeindlichkeit wieder an Schwung gewinnen, mit voller Entschlossenheit fortgesetzt.

Werte Gäste,

Die Gedenktafel, vor der wir uns heute versammelt haben, um den Geist des “türkischen Tempels” weiterleben zu lassen, ist für uns von großer Bedeutung. In diesem Zusammenhang bedanke ich mich bei der Stadt Wien. Vor allem aber beim sehr geehrten Wohnbaustadtrat Herrn Michael Ludwig und beim mitwirkenden Personal der Abteilung Wohnbau für ihr Engagement. Schlussendlich grüße ich Sie alle ganz herzlich und bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.

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